Karpo diem - oder wie wir 2016 aus dem Vollen schöpfen

Autorinnen: Alexandra Matissek-Schild & Petra Schild

Es gibt in der griechischen Mythologie eine Göttin, die uns sehr gut gefällt. Karpo ist ihr Name, und sie ist eine Göttin, die für Ordnung und Jahreszeiten steht und außerdem mit Reife, Ernte und Herbst assoziiert wird. Sie wird oft mit einem Füllhorn dargestellt und ist - sicher nicht das Schlechteste - den Menschen wohlgesonnen. Nach all der Mühsal der letzten Monate ist es doch wunderbar, eine wohlgesonnene Göttin auf deiner Seite zu wissen.   

Nach unserer Auszeit in Österreich fahren wir im August 2016 mit jeder Menge neuer Energie und Lust auf all die vielen neuen Projekte zurück nach Hamburg. Das Obst ist bald reif und die Walnüsse schon riesig. Auf dem Acker ist alles bestens und Karpos Füllhorn ist reich gefüllt: Das Gemüse, das Obst und die Kräuter sind vorzüglich.

Auf dem Acker ist jetzt Hochsaison, es muss gewässert, gehackt, gezupft, geerntet werden - auch etwas, wofür Karpo steht: für Arbeit. Du kannst nur ernten, was Du vorher gesät und gut gepflegt hast. Im Spadenland wächst alles wunderbar, auch die Beikräuter und Gras, das bedeutet: alles hacken und jäten , einmal wöchentlich, wochenlang.

Doch Karpo gibt dafür Kraft und Durchhaltevermögen. Für den Spaß, der nicht fehlen darf, sorgen wir: Schon beim Arbeiten denken wir uns aus, was auch wir aus all den Köstlichkeiten -  Bohnen, Salaten, Fenchel, Zucchini, Rondini, Petersilie, Mangold und essbaren Blüten - alles Tolles herstellen könnten.

Jedes Essen nach getaner Arbeit wird zum Fest. Manchmal auch zum Experiment: Schmeckt Grünkohl auch bei Hitze? Er war nun einmal reif, die ersten zarten Blätter, die sollen doch nicht etwa die Hühner bekommen! Und es schmeckt tatsächlich! Deftig, salzig- nach Schweiss treibender Arbeit doch perfekt. Und danach an den Elbstrand, schwimmen gehen.

Immer mit dabei: unsere WWOOFer. Nach der Abreise von Asako und Sara, die unsere Sommervertretung waren, kommt Julia aus Konstanz zu uns. Sie will ihre Wartezeit aufs Referendariat mit Sinnvollem füllen. Zu unserem Glück möchte sie das bei uns tun. Sie ist schnell wie ein Teil der Familie. Die Kinder lieben ihren Humor und ihre Lust zum Herumtollen. Bei der Arbeit erzählen wir uns unsere Lebensgeschichten und es ist schlecht vorstellbar, dass sie wieder gehen wird. So viel gelacht haben wir schon lange nicht mehr. Auch sie war länger in Chile gewesen. Tisch und Stühle beiseite: Unsere Küche wird zur Pisco-Disco.

Weitere Unterstützerinnen finden wir in einem sehr netten jungen amerikanischen Frauenpaar, die zurückhaltend, höflich, freundlich, auf eine selbstverständliche, liebe Art mithalfen. Und Ole aus Berlin stößt auch noch zu uns - er war spontan in Hamburg und wollte sich unser Projekt mal anschauen. Als wir erfahren, dass er unter freiem Himmel campiert hat und gleich anfangen könnte, geben wir ihm unser Zelt und ein neues Zuhause. Schließlich gibt der Sommer noch einmal alles, was er an Wärme zu bieten hat. Auch mitmenschlich.

Und weil all die lieben Menschen Weihnachten nicht mehr da sein würden, beschließen wir, dass wir Weihnachten prima im heißen Sommer feiern können - das hatten wir in Chile erlebt! Und so tauschen wir unser Lieblingsweihnachtsrezepte aus und realisierten das Ganze in einem Spätsommer-Weihnachten mit Gesang und Tanz.

Ja, Tanzen geht wieder. Petras Fuß ist einigermaßen heile. Die Physio-Behandlungen in Österreich, die wir bei einem ausgezeichneten Ostheopaten erhalten haben, haben Wunder gewirkt. Trotzdem wird es wohl noch lange dauern, bis Alex' Kiefer und Kopf den Unfall im Mai 2016 verdaut haben werden. Monatelang sind immer wieder Schmerzen an der Tagesordnung. Gut, dass sie das in ihrem Leben schon oft trainieren musste: Trotzdem leben. Trotzdem weitermachen. Laut singen, das geht ja auf dem Acker gut. Der Tu-Dir-Gutes-Workshop jeden Samstag um 14 Uhr, bei dem sie mit Gästen meistens Yoga macht oder Entspannungstechniken, tut allen gut.

Und auch unsere anderen Projekte laufen gut an. Der alte Bauwagen von Alex wandelt sich Stück für Stück. Er bekommt endlich neue Fenster. In den dann folgenden Innenausbau packt Petra unglaublich viel Liebe und Zeit. Nach dem Groben kommen die vielen Details, die das gute Stück zum strahlenden Juwel werden lassen. Es ist wunderschön, zu sehen, wie aus dem alten Wagen- in zwei Jahrzehnten immer wieder renoviert und dann dann viel zu lange stehen gelassen - solch ein Schmuckstück wird.

Die Samstage mit Offenem Garten und Wildkräuterspaziergängen laufen auch gut. Es ist Alex' Liebstes, Menschen zu zeigen, was Wohltuendes in ihrer Umgebung wächst. Was sie getrost essen oder trinken können und was lieber nicht. Wissen teilen ist einfach schön. Wenn sich Menschen mit Vorwissen einfinden, wird es lustig: Eine Frau erzählte uns lachend von dem Brauch, sich mit Brennnessel zu aktivieren - als es Viagra noch nicht gab!

Nachmittags, zu Kaffee und Kuchen, kommen immer wieder andere, spannende Menschen, unterhalten und informieren sich und erwerben unser Gemüse. Mittlerweile alte Bekannte holen ihre Abokiste ab und bleiben auf einen Schwatz. Das Tolle ist, dass wir dadurch erfahren, wer alles Nettes in unserer Umgebung wohnt und dadurch Kontakte knüpfen.

Besonders aufregend ist der Besuch eines alten Mannes, der uns berichtet, dass seine Großmutter in diesem Haus gewohnt hatte. Gerührt erzählt er uns von seiner glücklichen Kindheit hier. Wie schön! Ein paar Wochen später kommt ein Betreuer aus einem Altersheim zufällig vorbei und beschließt: „Wie toll wäre das für die alten Damen aus der Stadt: Hier zu sitzen und diesen Blick zu genießen! Die Weite, die Farben!“ Genauso wird es. Erst ist es nicht einfach, mit Rollatoren auf die Terrasse zu gelangen, doch schließlich ist es geschafft und alle sind glücklich. Plötzlich erhebt sich eine Frau, Richtung Abhang. Da möchte sie hin. Achtung steil! Brennesseln! Gemeinsam mit Alex meistert sie den Abstieg. Dann steht sie am reifenden Getreidefeld mit weit geöffneten Armen. In Zeitlupe weht sie sich den Duft zu. Ihre Augen leuchten.

Diese manchmal sehr spezielle Mischung der Gartengäste erweitert immer wieder alle Horizonte. Aber gerade das macht es aus. Wir lieben es in jedem Fall!

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